Darf's noch ein bisschen mehr sein?
Can we offer you anything else?

Wenn Architekten sich an das hielten, was ihrem Berufsfeld landläufig zugeschrieben wird, gemeinhin nämlich schlicht das Bauen von Häusern, wäre die Welt um viele Möbel, unzählige Stühle, Sessel, Leuchten, Gebrauchsgegenstände – kurz gesagt etliche Designobjekte – ärmer. Denn Architekten meistern von jeher jene Gratwanderung, vom Großen ins Kleine zu switchen, schaffen es, in Personalunion scheinbar mühelos Städtebau und Türdrücker zu vereinen.

Schon im Deutschen Werkbund, später am Bauhaus, manifestierte sich dieser Zugang, war ja sozusagen Essenz des übergeordneten Auftrags. Vieles entstand im Kontext des Bauwerks, im Bestreben, den Entwurfsgedanken auch in der Ausstattung weiterzudenken und die Ausdruckskraft des Gesamteindrucks nicht durch die Inbesitznahme des Bewohners zu sehr zu verwässern. Gleichzeitig wurden aber losgelöst vom Gebäude industriell gefertigte Massenprodukte entwickelt, deren kostengünstiger Erwerb und zugleich hoher ästhetischer Anspruch dafür sorgen sollten, auch in den Wohnzimmern des Durchschnittsbürgers Einzug zu halten.

Grenzgänger gab es immer, Architekten und Designer, deren Möbelentwürfe, sich nicht nur in das Gedächtnis designgebildeter Hedonisten gebrannt haben, sondern mittlerweile dem Allgemeinwissen zuzuordnen sind. Möbelikonen von Charles und Ray Eames kennt heutzutage jedes Kind, ebenso die von Arne Jacobsen, dessen Stuhl 3107 auch über 50 Jahre nach seinem Entstehen jede zweite Mensa und fast jeden Vortragsraum schmückt und damit als meistverkaufter Stuhl aller Zeiten schon längst in die Annalen der Designgeschichte eingegangen ist.

In jüngster Zeit haben viele namhafte Architekten fast ebenso sehr durch ihre Möbelentwürfe auf sich aufmerksam gemacht wie durch ihre Architektur. Besonders heiß gehandelt werden die Möbel von Zaha Hadid. So erreichte der Prototyp des „Aqua Table“ auf einer New Yorker Auktion 2005 den Rekordpreis von 296.000 $. Je dramatischer die Form, so scheint es, desto höher der Marktwert. Im Mittelpunkt steht nicht allein die Frage nach der reinen Funktionalität, sondern nach der skulpturalen, objekthaften Ausdruckskraft. Hadids Kollegin Amanda Levete von Future Systems präsentiert nicht minder spektakuläre Entwürfe beim selben Hersteller, der coolen und ambitionierten britischen Manufaktur „Established & Sons“.

Auffallend ist, dass die Zusammenarbeit zwischen Firma und Architekt respektive Produktdesigner von einer hohen Professionalität geprägt ist und es den Architekten erlaubt, Prozess und Forschung vorab intensiv voranzutreiben. Man redet nicht erst dann miteinander, wenn der fertige Entwurf aus der Schublade gezaubert wird, sondern schon lange im Voraus, um Marken- und Architektenprofil zu verknüpfen und gleichermaßen zu positionieren. Firmen haben den Marktwert des Architektendesigns erkannt und fördern dieses oftmals in eigens kreierten Produktlinien. So auch die Firma Vitra, die 2007, nach 20 Jahren Abstinenz, zum zweiten Mal in ihrer Geschichte ein „Design-Laboratorium“ ins Leben gerufen hat und Designern so die Möglichkeit gab, mit Form und Material völlig zwanglos zu experimentieren.Unter dem Label „Vitra Edition“ ist eine limitierte Auflage ungewöhnlicher Möbel entstanden, die Sammlerherzen
wieder einmal höher schlagen lassen wird. Architekten jedenfalls gehören auch hier ganz selbstverständlich dazu. Neben Zaha Hadid, hat sich Greg Lynn eingefunden, der mit seinem Sesselpaar „The Duke & The Duchess“ eine opulente Version seines Ravioli Chairs abliefert, außerdemder Berliner Architekt Jürgen Mayer H., dessen Installation „Lo Glo“ traditionelle Sitzgewohnheiten überschreiten dürfte.

Neben der gezielten Kooperation mit einzelnen Stars der Branche werden bekannte Architekten zunehmend eingeladen, in Workshops das Potenzial einer Marke, einer Produktsparte oder eines bestimmten Materials zu erforschen und den Firmen auf diese Weise neuen Input zu liefern. Im Vordergrund stehen hier nicht nur die aufsehenerregenden raumgreifenden Möbelentwürfe, sondern schlaue und innovative Lösungen für den Alltag. Das Wiener Architekturbüro Delugan Meissl Associated Architects, das derzeit besonders mit dem Bau des neuen Stuttgarter Porschemuseums von sich reden macht, hat für die Firma Hewi einen Türdrücker entworfen, dessen elegant geformte Silhouette ab Frühjahr 2008 in Mattschwarz und Glänzendweiß den Markt im Innenausbau bereichern wird.

Fest steht: Kaum ein Berufsstand wildert so schamlos, zugleich so lustvoll und erfolgreich in fremden Gefilden wie Architektin und Architekt. Doch bei der Qualität und überraschenden Formen- und Produktvielfalt sollte dem auch keineswegs Einhalt geboten werden. Erstaunlich ist nur, dass so viel seltener von Häuser bauenden Produktdesignern die Rede ist.


Renowned architects have in recent times won almost as many laurels for their furniture design as for their architecture. Cooperation between companies and architects respectively product designers is characterised by a strikingly high level of professionalism and it is this that allows architects to catalyze both research and the production process, right from the start. Vitra’s launch of a design laboratory under the „Vitra Edition“ label in 2007, for example, gave designers an opportunity to freely experiment with various forms and materials.

Besides targeting star players in the field for joint ventures, there’s now a growing trend to involve well-known architects in workshops, where the potential of a brand, a product line or a certain material is explored, and the host company assured a shot of new input. Their focus, moreover, is not only sensational furnishings but also clever, innovative solutions for everyday living.



© JAM Publications 2008

    newsletter

    enter your e-mail