Text: Christiane Cuticchio
In der Kunstwelt wird viel darüber diskutiert, ob und wenn ja wie ein behinderter Mensch Kunst machen kann, wie man das Ergebnis dann nennt, unter welchen Teil der Kunstbetrachtung dies fällt und in welchem Zusammenhang es der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Genau das taten z. B. die Gründer des Ateliers Goldstein am Anfang auch. Sie hatten Kunst studiert, waren fasziniert von dem, was man damals noch „Irrenkunst“ nannte und von Harald Szeemann auf der Documenta 5 gezeigt wurde. Sie wollten ihre Ästhetik publizieren, hatten Gerechtigkeit im Sinn. Sie begannen, mit wirklichen Autisten und Künstlern mit Downsyndrom zu arbeiten. Und fanden sich bald einer verstörenden Wahrheit gegenüber: Sie waren zwar keine akademisch gebildeten Kunstschaffenden und mit ihren Arbeiten noch nicht in die Öffentlichkeit getreten. Aber sie waren mindestens auf Augenhöhe!
Ein wichtiges Dogma, das formuliert,was Kunst zur Kunst macht, ist immer noch die These vom selbstrezeptiven Handeln des Künstlers, der selbst im noch so rauschhaften Schaffensprozess immer die Kontrolle behält und sich gewissermaßen als Glied der langen Kette der Kunstgeschichte selbst schmiedet. Die wenigsten Künstler halten allerdings dem Blick von außen auf sich stand und scheitern gerade an dieser Hürde. Obwohl einige dieser behinderten Künstler starke Persönlichkeiten sind, haben sie kleine Egos. Das macht es ihnen einfach, auch mal in ihrem Werk zu verschwinden. Ein außerordentlich begabter Mensch, der nichts zu verlieren hat, den es nicht kümmert, ob Galeristen seine Arbeiten verkaufen oder Museen sie ausstellen, weil es ihm nur um den Moment ihrer Hervorbringung geht, kann sehr vital und gesund erscheinen. Mit anderen Worten: Das was als Kunstprojekt begann, ist durch die Beobachtung der Arbeitsweisen der Künstler zu einem Infragestellen des Begriffs Behinderung geworden.
Die Ausstellung Heterotopia macht es möglich, diese besondere Situation einer besonderen Gruppe von Kunstschaffenden als Vergleich, Erweiterung oder sogar Korrektiv unseres Verständnisses der Kunst wahrzunehmen.
Text: Yorck Förster
Heterotopia – der Begriff ist dem Aufsatz „Andere Räume“ von Michel Foucault entliehen. Skizzenhaft entwirft der französische Philosoph darin eine Analyse des Raumes. Unter Raum versteht er dabei weniger die physische Räumlichkeit, sondern die Funktionalität und Bedeutung räumlicher Situationen, die von einer „Gemengelage von Beziehungen“ durchzogen sein können. „Heterotopien“ sind solche besonderen Räume, die gleichzeitig verschiedene Funktionen erfüllen, soziale Orte mit einem veränderten Beziehungs- und Ordnungsgefüge, Enklaven in der Welt – wie z. B. Gefängnisse und Heilanstalten. Die Bewohner solcher Heterotopien können die erfahrene Ordnung der Welt als geradezu schmerzhaft durchzogen von der Macht der „Gemengelage von Beziehungen“ empfinden. Umgekehrt kann die Heterotopie aber auch als anderer Ort einer Gemeinschaft mit eigener Ordnung gedacht werden und verkörpert ein produktives Ideal.
Die „Heterotopia“-Ausstellung versammelt Kunstwerke, die beide Seiten der Heterotopie zeigen, die erlittene Gemeinschaft der Ausgrenzung wie die imaginierte neue Gemeinschaft eines Aufbruchs. Präsentiert werden Bilder, Objekte und Modelle einer Reihe von zeitgenössischen Künstlern sowie aus den historischen Beständen der Sammlung Prinzhorn.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im
Kehrer Verlag/Catalogue: Kehrer Publishers
128 S.
95 Farbabb.
24 x 30 cm
HC
29,50 Euro
ISBN 978-3-939583-99-8
Deutsch/Englisch
In der Kunstwelt wird viel darüber diskutiert, ob und wenn ja wie ein behinderter Mensch Kunst machen kann, wie man das Ergebnis dann nennt, unter welchen Teil der Kunstbetrachtung dies fällt und in welchem Zusammenhang es der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Genau das taten z. B. die Gründer des Ateliers Goldstein am Anfang auch. Sie hatten Kunst studiert, waren fasziniert von dem, was man damals noch „Irrenkunst“ nannte und von Harald Szeemann auf der Documenta 5 gezeigt wurde. Sie wollten ihre Ästhetik publizieren, hatten Gerechtigkeit im Sinn. Sie begannen, mit wirklichen Autisten und Künstlern mit Downsyndrom zu arbeiten. Und fanden sich bald einer verstörenden Wahrheit gegenüber: Sie waren zwar keine akademisch gebildeten Kunstschaffenden und mit ihren Arbeiten noch nicht in die Öffentlichkeit getreten. Aber sie waren mindestens auf Augenhöhe!
Ein wichtiges Dogma, das formuliert,was Kunst zur Kunst macht, ist immer noch die These vom selbstrezeptiven Handeln des Künstlers, der selbst im noch so rauschhaften Schaffensprozess immer die Kontrolle behält und sich gewissermaßen als Glied der langen Kette der Kunstgeschichte selbst schmiedet. Die wenigsten Künstler halten allerdings dem Blick von außen auf sich stand und scheitern gerade an dieser Hürde. Obwohl einige dieser behinderten Künstler starke Persönlichkeiten sind, haben sie kleine Egos. Das macht es ihnen einfach, auch mal in ihrem Werk zu verschwinden. Ein außerordentlich begabter Mensch, der nichts zu verlieren hat, den es nicht kümmert, ob Galeristen seine Arbeiten verkaufen oder Museen sie ausstellen, weil es ihm nur um den Moment ihrer Hervorbringung geht, kann sehr vital und gesund erscheinen. Mit anderen Worten: Das was als Kunstprojekt begann, ist durch die Beobachtung der Arbeitsweisen der Künstler zu einem Infragestellen des Begriffs Behinderung geworden.
Die Ausstellung Heterotopia macht es möglich, diese besondere Situation einer besonderen Gruppe von Kunstschaffenden als Vergleich, Erweiterung oder sogar Korrektiv unseres Verständnisses der Kunst wahrzunehmen.
Text: Yorck Förster
Heterotopia – der Begriff ist dem Aufsatz „Andere Räume“ von Michel Foucault entliehen. Skizzenhaft entwirft der französische Philosoph darin eine Analyse des Raumes. Unter Raum versteht er dabei weniger die physische Räumlichkeit, sondern die Funktionalität und Bedeutung räumlicher Situationen, die von einer „Gemengelage von Beziehungen“ durchzogen sein können. „Heterotopien“ sind solche besonderen Räume, die gleichzeitig verschiedene Funktionen erfüllen, soziale Orte mit einem veränderten Beziehungs- und Ordnungsgefüge, Enklaven in der Welt – wie z. B. Gefängnisse und Heilanstalten. Die Bewohner solcher Heterotopien können die erfahrene Ordnung der Welt als geradezu schmerzhaft durchzogen von der Macht der „Gemengelage von Beziehungen“ empfinden. Umgekehrt kann die Heterotopie aber auch als anderer Ort einer Gemeinschaft mit eigener Ordnung gedacht werden und verkörpert ein produktives Ideal.
Die „Heterotopia“-Ausstellung versammelt Kunstwerke, die beide Seiten der Heterotopie zeigen, die erlittene Gemeinschaft der Ausgrenzung wie die imaginierte neue Gemeinschaft eines Aufbruchs. Präsentiert werden Bilder, Objekte und Modelle einer Reihe von zeitgenössischen Künstlern sowie aus den historischen Beständen der Sammlung Prinzhorn.
Der Katalog zur Ausstellung erscheint im
Kehrer Verlag/Catalogue: Kehrer Publishers
128 S.
95 Farbabb.
24 x 30 cm
HC
29,50 Euro
ISBN 978-3-939583-99-8
Deutsch/Englisch
Whether a disabled person can produce art has preoccupied art circles a great deal, as have the questions – given that s/he can - as to how the results might be named and perceived, and in which public context it might be appropriate to show them.
The Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main has responded to this debate with an exhibition, „Heterotopia“, the name of which is taken from Michel Foucault’s 1967 lecture,„Of Other Spaces“. Images, objects and models representing a range of contemporary positions are presented alongside historical stock from the Prinzhorn Collection.
© JAM Publications 2008
The Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main has responded to this debate with an exhibition, „Heterotopia“, the name of which is taken from Michel Foucault’s 1967 lecture,„Of Other Spaces“. Images, objects and models representing a range of contemporary positions are presented alongside historical stock from the Prinzhorn Collection.
© JAM Publications 2008
