Im Bauch der Kunst
In the Belly of Art

Text: Cato Jans

Wann ist eine Buchhandlung eine Institution? Wenn sie groß ist und ein umfangreiches Sortiment führt? Wenn sie zentral gelegen und weit über die Grenzen ihres Stadtteils hinaus bekannt ist? Wenn sie auf lange Jahre des Bestehens zurückblicken kann? Das alles mag wichtig sein, aber es ist nicht genug. Zu einer Institution wird eine Buchhandlung, wenn ihr Name ein Synonym ist: nicht nur für ein großes Angebot und beste fachkundige Beratung. Sondern dann, wenn ihr Name ein Synonym geworden ist für den Stoff, aus dem die Bücher überhaupt erst entstehen: für Kultur, Geist und Inspiration.

In Hamburg und über Hamburg hinaus heißt die Entsprechung dafür Sautter + Lackmann. In der Innenstadt, nur einen Katzensprung von Jungfernstieg und Hanseviertel entfernt, versteckt sie sich eher, als dass sie sich in die erste Reihe drängt: In einem Kontorhaus auf der Fleetinsel, deren gesamter Altbaubestand vor Jahren vom Abriss bedroht war und nur dank des Engagements von Künstlern, Galeristen und eines kunstsinnigen Investors als Atelierund Galeriehaus erhalten werden konnte, befindet sich zwischen zwei schmalen Schaufenstern der Eingang zu Hamburgs größter Fachbuchhandlung für Kunst und Architektur. Die Adresse legt maritime Metaphern nah: „Admiralitätsstraße 71/72”.

Der Raum nimmt die gesamte Tiefe des Gebäudes bis an seine Rückseite ein, das Tageslicht fällt nur durch die Fenster an den Schmalseiten dieses Kunstbücherkontors, an Bug und Achtern. Alle anderen Wände und Flächen sind mit Büchern gefüllt: ein riesiger Lagerraum im Bauch eines Schiffs, dessen Fracht Kunst ist.
Der Bestimmungshafen der Bücher sind die Regale und Tische all jener Menschen, die ohne Kunst, Fotografie, Architektur, Design und Grafik nicht leben können und wollen. Sautter + Lackmann handelt mit Büchern zu diesen Themen, und es sind tausende: Sie zeigen die neusten Gemälde und Installationen, die ältesten Drucke, die höchsten Gebäude, die verspieltesten Layouts, die puristischsten Möbel und die barocksten Entwürfe. Vor allem aber zeigen sie die Welt mit den Augen der Künstler, der Maler, Fotografen, Gestalter, Baumeister, Designer, Stylisten und Modeschöpfer. Und erzählen jedes Einzelne eine Geschichte.

Die Geschichte der Buchhandlung begann vor vierzig Jahren. Sautter + Lackmann war nicht immer hier, auf der Insel zwischen Innenstadt und Hafen. Aber schon der erste Standort, am Klosterstern in Eppendorf, hatte etwas von einem Schiff: Dort waren es viele kleinere Räume im Souterrain einer Jugendstilvilla, und auch dort wohnten die Bücher wie unter Deck. 1970 von Hinrich und Gisela Sautter gründet war Sautter + Lackmann von Anfang an auf Bildende Kunst, Architektur und alle angrenzenden Gebiete spezialisiert. 1989 zog die Buchhandlung um, das Schiff wurde an der Fleetinsel vertäut, dort, wo in früheren Zeiten die Admiralität ihr Domizil hatte. Heute sind es die Opinion-Leader, Trendsetter und Medien-Kapitäne, die hier ein- und ausgehen: Architekten und Designer, Museums- und Art-Direktoren, Fotografen und Grafiker kaufen hier ebenso wie alle anderen beruflich und aus Begeisterung Interessierten.

In den Decks über der Buchhandlung arbeiten Künstler und Designer, in den Galerien stellen sie aus, bei Sautter + Lackmann erwerben sie die Bücher, denen sie viele Anregungen verdanken, durch die sie sich auf den neusten Stand ihrer Zunft bringen oder in denen ihre eigenen Schöpfungen publiziert und für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Denn die Bücher wohnen hier, wie in jeder Buchhandlung, nur auf Zeit. Sie sind Gäste, Reisende, Einwanderer aus der ganzen Welt. Die meisten werden im Land bleiben und zur kulturellen Vielfalt beitragen, einige reisen weiter, in andere Länder. Sautter + Lackmann war schon früh auch eine Versandbuchhandlung, die Privatpersonen und Bibliotheken in der ganzen Welt beliefert.
Vor vier Jahren hat Florian Sautter das Steuer übernommen. Heute, im Zeitalter des eCommerce, gehen Bestellungen aus der ganzen Welt auch online ein und selbstverständlich hat Sautter + Lackmann auch eine Webseite – die übrigens im Sommer diesen Jahres relaunched wird.

In der Mittagspause trifft man in den benachbarten Restaurants Marinehof und Rialto viele Galeristen und Künstler. Darunter Daniel Richter, Clementia Labin, Christian Hahn und Andreas Slominski, um nur einige zu nennen. Sicher ist es ein beruhigendes Gefühl für sie, die Bücher und Kataloge mit ihren Werken gleich nebenan zu wissen. Und für alle anderen, die nach gedruckter Kunst, illustriertem Geist und der Kunst der Inspiration süchtig sind, zu wissen, dass das Synonym für ihren Bezugsort Sautter + Lackmann heißt.



When does a bookstore become an institution? It is important that it offers a wide range of books and specialist advice but it is not an institution until its name has become synonymous with the substance of which the books are made: culture, intellect and inspiration. Sautter + Lackmann stand for this, in Hamburg and further afield.

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